Zeit ist ein merkwürdiges Konzept. Je mehr Bedeutung man ihr beimisst, desto häufiger entzieht sie sich einem. Je mehr man auf etwas wartet, desto länger fühlt es sich an und je mehr man versucht gegen ihr Entrinnen anzukommen, desto weniger bleibt am Ende von ihr.
Die Zeit wartet auf niemanden und interessiert sich nicht für deine Pläne oder Träume. Es kümmert sie nicht, ob du zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein musst. Sie schreitet stetig voran, ohne Rücksicht auf irgendeinen von uns zu nehmen. Sie zeigt sich völlig unbeeindruckt von den Millionen von Menschen, die auf ein Wunder oder eine Beförderung oder ihre große Liebe oder die Rückkehr eines Liebhabers hoffen. All‘ die Menschen, die ewig darauf warten, bis ihre Zeit gekommen ist… bis es heißt: Now it’s your time to shine.

Wäre die Zeit eines Kindes ein Vogel, dann flöge er langsam, würde links und rechts am Weg pausieren, fände hunderttausend Gründe für einen Umweg.
Der erwachsene Vogel Zeit dagegen schießt rasend schnell dahin. Der Unterschied ist, dass im Kopf und Herzen des Kindes jeden Tag tausend neue Erlebnisse explodieren. Erwachsene dagegen haben einfach zu viel erlebt, als dass sie das Leben noch überraschen könnte.

Warum haben wir ständig das Gefühl Zeit zu verschwenden,wenn wir einfach mal nichts tun und nicht produktiv sind?
Wann gilt Zeit als verschwendet & wann ist sie gut genutzt?
Wer legt fest, wie wir unsere Zeit bestmöglich nutzen? Unsere Eltern, Freunde oder gleich die ganze Gesellschaft?
Warum streben alle nach dem perfekten Lebenslauf ohne Umwege?
Warum leben so viele ein „möglichst sicheres“ Leben ohne jemals etwas Aufregendes ausprobiert und riskiert zu haben?
Und warum wird etwas kritisch beäugt, wenn es nicht 100% erfolgsversprechend ist?
Fragen über Fragen.

Wir haben viel zu wenig Muße: Zeit, in der nichts los ist. Das ist die Zeit, in der die Einsteins, die kreativen Forscher, ihre Entdeckungen machen. Der Betrieb und die Routine sind uninteressant und kontraproduktiv.
Adolf Musch

Immer öfter denke ich darüber nach, warum alles gradlinig verlaufen muss. Seit wann haben wir den Anspruch an unser Leben, dass es möglichst ohne Sackgassen, U-Turns und spontane Richtungswechseln verläuft?
Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich mit festem Tunnelblick meinem nächsten Ziel entgegenlebe, ohne ein bisschen Freiraum für die Überraschungen des Lebens zu lassen. Unbekanntes ist begleitet von Angst und Zweifel. Dabei heißt es doch überall, das Leben passiere außerhalb unserer Komfortzone. Jeder spricht davon, die eigenen Grenzen zu überschreiten und sich mehr zu trauen, aber kaum einer hat den Mut es tatsächlich zu tun. Vieles davon wird als unerfüllter Traum durchs Leben geschleppt, ohne überhaupt gelebt zu werden.
Da frag ich mich dann, was aus den Abzweigungen geworden ist, die uns an ungeahnte Orte bringen? Wer soll dann die Wege entdecken, die noch niemand zuvor gegangen ist, wenn nicht wir?

Ich bin jung und habe theoretisch noch sehr viel Zeit. Trotzdem habe ich ständig Angst, wertvolle Zeit zu „vertrödeln“. Hinzu kommt die Ungeduld – die Angst vor Versäumnis. Unsere Gesellschaft ist darauf ausgelegt, bereits mit Mitte 20 alles zu können, alles zu wissen, alles erlebt zu haben. Und natürlich ohne dafür erst einmal Erfahrungen sammeln zu müssen, denn die Zeit haben wir ja nicht.
Wir werden geboren auf einem Jahrmarkt der Lebensmodelle und leben im Taumel scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten mehrere Leben auf Probe. Wir allein entscheiden, wo wir unsere Schwerpunkte in unserem Leben setzen und wofür wir unsere Energie investieren. Wir lenken unser Leben, indem wir Entscheidungen treffen und mit deren Konsequenzen leben. Und wir verbringen Unmengen Zeit damit, unsere Zeit zu planen.

Die Angst vor einem vergeudeten Leben

Wir geben uns alle so wahnsinnig tolerant gegenüber alternativen Lebensmodellen, obwohl sich insgeheim das Bild vom perfekten Menschen in unserem Gehirn festgekrallt hat. Der perfekte Mensch von heute hat mit dem perfekten Partner ein perfektes Kind in einer kleinen, perfekten Welt. Er hat viel erlebt, hat bereits die ganze Welt gesehen und trotz gelegentlicher Schwierigkeiten immer alles im Griff. Er hat einen interessanten Job, bezieht ein ziemlich gutes Gehalt, findet neben der Arbeit trotzdem genügend Zeit für Freunde und Hobbies – und ist auch sonst ziemlich perfekt. Der perfekte Mensch ist effizient. Er nutzt jeden Tag optimal und ist vom ersten Blinzeln am Morgen bis zur letzten Sekunde des Tages äußerst produktiv. Alles muss heutzutage effizient sein, sonst gilt es als verschwendet. Ein ausgefüllter Terminkalender wird gleichgesetzt mit einem ausgefüllten Leben. Reich an Geld und arm an Zeit – das ist das aktuelle Erfolgsmerkmal.
Aber weil nun das Bild eines perfekten Lebens so präsent ist, vergleichen wir uns insgeheim mit diesem Ideal. Und dieser Vergleich fällt natürlich negativ aus, denn neben diesem perfekten Menschen mit seinem perfekten Leben sehe ich ziemlich unperfekt aus. Und dann soll mir nochmal einer kommen mit: Werde die beste Version deiner selbst oder Strebe danach, jeden Tag besser zu werden als derjenige/diejenige, der/die du gestern warst.
Ich möchte mein Privatleben nicht optimieren. Im Gegenteil – ich möchte mal nichts tun. Rein gar nichts. Ungestört rumlümmeln, mir Zeit für unwichtige Dinge nehmen oder etwas mit Muße tun. Freiraum schaffen für neue Ideen und kreatives Denken. Ja, das fehlt so oft: Muße. Auch eins dieser wunderbaren, vergessenen Wörter.

Halte dir jeden Tag 30 Minuten für deine Sorgen frei und in dieser Zeit mache ein Nickerchen.
Abraham Lincoln

Ich wünsche mir so oft, mehr Zeit für’s Zeitverschwenden zu haben. Mehr Zeit, um zu üben für die große Bühne, auf der mein Leben aufgeführt wird. Mehr Zeit, um still und heimlich Erfahrungen zu sammeln, die ich nur für mich mache – ohne Zuschauer. Ich wünsche mir mehr Zeit für Grenzüberschreitungen, Mutausbrüche und Gefühlsduselei.

Was kann ich gegen die Angst tun?

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Zeit umso schneller zu vergehen scheint, je mehr Routine man hat. Weil man sich im Nachhinein nur an besondere Dinge erinnert, nicht aber so sehr an den Alltag. Deshalb gibt es einen einfachen Trick, aus dieser Misere auszubrechen: Unvertrautes tun, erste Male finden. Winzige Kleinigkeiten. Weil Dinge, die wir zum ersten Mal erleben, sich länger anfühlen als Dinge, die wir schon hundertmal erlebt haben. Und nirgends steht, dass erste Male ein Privileg der Jugend sind, also warum nicht mal einen anderen Weg zur Arbeit nehmen? Oder jedes Mal im Restaurant ein neues Gericht ausprobieren. An unbekannte Orte reisen. Unbekanntes ausprobieren und sich neu erfinden – so oft es geht.